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Korea Auslandssemester 18: Fazit

26.08.2022 - 09.01.2023

Klasse Korea #1: Öffentliche Verkehrsmittel

Eine der besten Erfahrungen an Korea, so komisch es zwischen allen anderen Eindrücken klingt. Anfangs kauft man eine „T-Money“-Karte, welche in GANZ Korea für Bus, Bahn & Taxen verwendbar ist:

  • Am Eingang scannen: Betrag bis zur Endstation wird abgebucht.
  • Am Ausgang scannen: Kosten für verbleibende Stationen werden wieder erstattet.

Keine Kontrolleure, keine Ticketmaschinen, kein Tariflabyrinth. Aufladen kann man an jedem convenience Store. Einzig für die Schnellzüge KTX, ITX und Mugunghwa muss ein Sitzplatz über Webseite schnell & unkompliziert reserviert & gekauft werden.

Alle Öffentlichen haben außerdem gemeinsam: Günstig & Verspätungen „없어요“. Taxen sind alleine durch ihre schiere Anzahl und günstigen Preise eine wunderbare Alternative, speziell zu später Stunde.

Klasse Korea #2: Convenience Stores

Die amerikanischen convenience stores haben es auch nach Korea geschafft. Und sie sind überall. Maximal alle 200 Meter in größeren Städten findet man einen „GS25“, „7-Eleven“ oder „Nice to CU“.

Die 24/7 geöffneten Supermärkte mit diversen Lebensmitteln und Krimskrams für den Alltag stellen quasi die Dönerbuden goes Lebensmittelgeschäfte Koreas dar. Hier wird immer wieder gerne ein kurzer Abstecher gemacht, um sich ein schnelles Getränk, Onigiri / Gimbap oder Sonstiges zu holen. Und dann ab zurück ins Geschehen.

Klasse Korea #3: Essen & Trinken

Die Lebensmittelkosten in Korea sind sehr günstig, getoppt nur von wenigen Ländern (z.B. Vietnam). Wasser gibt es in Restaurants, Bars, etc. sogar gratis. Leitungswasser ist auch bedenkenlos trinkbar.

Doch auch das Wichtige: Bier, Soju, Pepsi & Orangensaft, sowie Fried Chicken, Oxbone soup, Dakgalbi, Bibim-, Kimbaps, Kimchi, Fisch … so lange es lokales aus Korea ist, zahlt man selten mehr als 7€ für Essen & Trinken zusammen. Egal ob aus einem convenience store oder im Restaurant.

Klasse Korea #4: Karaoke & Fotos

Überall wo das Nachtleben stattfindet, findet man dutzende Karaokebars. Hier kann man in einem geräusche-isolierten Raum für meist beliebig lange Zeit in ein übersteuertes, hallendes Mikrofon auf Lautstärke 100 mit bis zu 8 Personen "singen" und tanzen. 3 Lieder kosten ungefähr 1000₩, also 70ct.

Getränke, wenn nicht sowieso nicht schon genug im Blut, kann man auch noch mit hineinnehmen. Macht sowieso jeder.

Im Anschluss wird mit den verbleibend lebenden meistens noch in eines der vielen 24/7 geöffneten Selbst-Fotostudien gegangen und für weitere 1000₩ ein Polaroid als Andenken für den gelungenen Abend gekauft.

So sieht ein typischer koreanischer Abend dann aus:
Gemeinsam essen -> 1-x Bars -> Karaokebar -> Foto als Andenken.

Klasse Korea #5: Kriminalität

Das war unter anderem einer der größten Kulturschocks als deutscher Austausstudent.

In Korea gibt es schlicht und einfach (fast) keinen Diebstahl. Am meisten Diebstahlgefährdet sind Regenschirme. Das wars.

Geldbeutel, Kreditkarten, Zimmerschlüssel etc. wurden in den Gruppen teilweise auf dem Boden der Innenstadt, Bushaltestellen oder sonstwo mitten im millionenschweren Geschehen verloren. Genau dort wurden diese aber noch Stunden später vorgefunden, wie zurückgelassen.

Fundiert in konfuzianistischen Lehren der Familienehre und allgemeinem respektvollen Umgang mit seinen Mitmenschen, wird fremdes Hab und Gut nicht angerührt und sichtbar platziert zurückgelassen, wo es liegen geblieben ist, in der Hoffnung, die Suchenden finden es dort wieder.

Klasse Korea #6: Hygiene

Hygiene war in Korea auch gar kein Problem.

In den prallen Hallen der Essensmärkte herrscht zwar teilweise ein chaotischer und gewöhnungsbedürftiger Umgang mit den Lebensmitteln, dies bildet aber die Ausnahme, von der man sich nicht in seiner allgemeinen Meinung von asiatischer Hygiene beeinflussen lassen sollte. Nebenbei gab es auch mit Lebensmitteln von den Märkten keine Probleme im Umfeld, hier sollte man aber etwas mehr aufpassen.

Sonst sind aber Straßen stets sauber, man kennt die berüchtigten asiatischen Bidets bereits und die Menschen tragen Masken und halten Abstände pflichtbewusst und respektvoll ein.

Klasse Korea #7: Menschen

So wenig Englisch die Koreaner können, so hilfsbereit sind sie dann aber trotzdem auch, wenn man einmal ein Gespräch mit ihnen angefangen hat.

Speziell die Jugend: So hart wie sie in ihrer Kindheit gelernt haben (dazu kommen wir gleich), so hart feiern die Koreaner auch in der Nacht. Ganz normal, dass man hier unter den Gruppen im Club durchmischt, schwätzt, sich zusammen tut und gemeinsam durch die Straßen reist.

Tagsüber genau so - wer Hilfe oder Gesellschaft sucht, findet sie.


Kurioses Korea #1: Englisch

Geschuldet dem Welt- und Koreakrieg bis 1953 & Unterstützung der demokratischen USA gingen wir davon aus, dass viele der Koreaner gut Englisch können.

Nope. Englisch kam erst in den 90ern im Bildungssystem dazu. Vorher wurde durch Militärregime gegen Kommunismus und Volksarmut gesteuert.

Aus diesem Grund ist die Bevölkerung grob unter 30 ganz ok in Englisch, aber darüber (Restaurants, Hotels, Convinience Stores, etc.) nicht mehr.

Dazu kommt aber auch: Wer Englisch nur so halb kann, spricht es aufgrund der konfuzianistischen und konservativen Einstellungen leider auch nicht, In der Angst, etwas Falsches zu sagen und dadurch Familienehre zu verletzen.

Viel Kommunikation läuft deshalb mit Händen & Füßen, „K-Englisch“ und dem gelernten Koreanisch ab.

Kurioses Korea #2: Essen

Auch wenn es verdammt günstig ist, ist das generelle Essen in Korea sehr fettig, denn alles ist frittiert. An der Stelle danke an den Einfluss der USA.

Entsprechend ist die Darmflora gut am arbeiten: Durchfalltabletten wurden nach 2 Monaten aufgebraucht und dann aufgegeben.

Zudem sind Speisen auch immer gut würzig angerichtet – die Schärfe hilft dem Darm dann auch weniger und wem scharfes Essen nicht so liegt, dessen Auswahl in Restaurants etc. ist ordentlich eingegrenzt. Vegetarier müssen auch länger suchen und Abstriche machen, um auf ihre Kosten zu kommen.

Gutes Brot, Käse und Obst / Gemüse (außer Orangen und Kimchi) sind auch sehr teuer.

Essen & Trinken ist unglaublich preiswert, habe ich gesagt – nur so lange man lokal bleibt. Abseits landet man bei den „normalen“ oder sogar höheren Preisen.

Kurioses Korea #3: Schnaken & Wetter

Alleine im August & September war es in Korea unglaublich schwül & heiß. Ich will gar nicht wissen, wie das zur Hauptsaison hier ist.

Asiaten schwitzen übrigens wesentlich weniger als wir Westler – wegen dickerer Haut, weswegen diese auch so rein aussieht.

Herbst gibt es dann für vielleicht eine Woche. Ein später Temperatursturz zum Dezember geht dann unglaublich schnell und auf einmal hat es zwei-stellige Minusgrade. Bis dahin gibt es die Schnakenviecher. Mein Gott... Unser Dormitory hatte überall Fliegengitter und trotzdem hatten wir JEDE Nacht die Dinger um uns herum. Ich habe vermutlich 1 Lebensjahr durch koreanisches Mückenspray verloren (sehr starkes Zeug).

Kurioses Korea #4: Rassismus & „Privat“ – Clubs

Nennenswerte Vorfälle mit Rassismus gab es in Korea nicht. Einzig auffallend war die Suche nach nächtlichen Partygelegenheiten, denn viele Clubs sind unzugänglich für Ausländer.

Zugegebenermaßen, weil es durch kultur- und gefühlsdesinteressierte Idioten Vorfälle mit Belästigungen o.Ä. gab. In Daegu oft vonseiten des nördlichen Militärstützpunktes der Amerikaner. Ob es die richtige Methode ist, lässt sich trotzdem darüber streiten.

In Seoul und Busan sind Ausländer häufiger und „gewöhnungsbedingt“ gibt es weniger solcher Probleme. In allen anderen Städten noch nicht. Irgendwie hat der Welttourismus Korea noch weitgehend verschont. Das bietet zum einen authentische Einblicke in die Kultur, zum anderen wird man hier eben auch mal wie ein Einhorn angesehen. Die (älteren) Koreaner sagen nämlich: „Der Hammer trifft den heraus-stehenden Nagel“. Vorurteile hin oder her haben hier dadurch alle die gleiche Frisur mit schwarzen Haaren. Man versucht sich Normen anzupassen.

Kurioses Korea #5.1: Bildungssystem

Durch persönliche Gespräche und das Modul „Korea in Motion“ habe ich erfahren, dass ich als Kind in Korea nicht überlebt hätte. Um es kurzzufassen: Bis zum Studium gibt es keine Kindheit.

In der Uni: Fragliche Benotungsmuster, wie das „relative grading“ - bestimmte Studenten-Prozentsätze bekommen eine 1, 2, 3, etc.:

  • wenn alle super sind, fallen trotzdem einige durch
  • wenn alle schlecht sind, kommen trotzdem einige durch das System gerutscht.

In der Highschool: 6 Tage Ganztagsschule + 1 Tag Privatunterricht:
In Korea ist es (noch) für Job-Bewerbungsprozesse nicht wirklich wichtig, welche individuellen Qualifikationen (oder Noten) ein Schüler hat. Wichtiger ist, auf welcher Universität dieser seinen Abschluss gemacht hat. Wenn es eine der „SKY“-Universitäten (Seoul National University, Korea University, Yonsei University) war, hat er gute Chancen auf einen gut bezahlten Job. Ansonsten nicht.

Kurioses Korea #5.2: Bildungssystem

Es entsteht ein dominoartiger Bildungswettbewerb auf Universitätsplätze. Die beliebten Unis haben logischerweise nur genug Platz für die besten Studenten, weswegen jeder ab Kindergarten versucht, die besten Noten zu bekommen. Das geht natürlich nur, indem man mehr als alle anderen lernt und nach Systempfeife tanzt. So schaukelt es sich dann hoch.

Aus dieser Zeit stammt auch der berühmte highschool Abschlusstest: CSAT, in der keine Flugzeuge, Arbeit etc. stattfinden und Schüler an EINEM Tag die GANZE highschool auf ein Papier kotzen.

Das Ganze zieht sich jetzt noch relativ komplex in Monopole von Nachhilfelehrern und gekauften Klausurlösungen hoch und ist fundiert in der hektischen, armutsüberwältigten kurzen aber hektischen Geschichte Koreas. Korea kam aus Kolonialisierungen und Kriegen heraus, welche es nach 1953 in Schutt und Asche zurückließ. Diese Herangehensweise in einem stark kompetetiven Bildungssystem verhalf der Bevölkerung schnell wieder aus dieser Armut heraus.

Aber eins ist klar: Gesund ist das nicht auf Dauer. Korea hat durch dieses System eine unglaublich hohe Suizidrate von 29% und generell eine 74% Depressionsrate unter Erwachsenen, da in der Kindheit soziale Isolation und keine individuellen Förderungen herrschen.

Kurioses Korea #6: Straßenverkehr

Der Straßenverkehr in Korea ist wild.

  1. Der allgemeine Autofahrer weiß nicht, wie man blinkt (egal ob BMW oder nicht)
  2. Parken - Aktionen sind stets auch unvorhersehbar. Man geht schepp an den Straßenrand oder bleibt einfach mit Warnblinker stehen. Und das in dem Verkehr einer Millionenmetropole.
  3. Hupen ist eine normale Kommunikationssprache
  4. Fußgängerüberwege sind Straßendekorationen und Ampeln gelten nur für manche Autos (ironischerweise für sich im Einsatz befindlichen Krankenwägen anscheinend am häufigsten).
  5. Jedes Auto hat auch getönte Scheiben, mit Blickkontakt suchen und dann Straße überqueren ist hier nix.
  6. Rollerfahrer. Einfach Rollerfahrer. Als würde man unseren Flink-Fahrradfahrern aus Darmstadt eine line Koks und 100 PS statt Elektromotor geben.

Der Gesamteindruck bleibt dennoch durchaus positiv. Die herausstechenden Auffälligkeiten sind nunmal oft die störenden Dinge, wenn auch der Grundeindruck und die Situation allgemein positiv sind.

Ich empfehle wirklich jedem, sich dieses Land an netten Leuten, schöner Natur und Städten anzusehen, nachdem er vielleicht ein wenig Koreanisch gelernt und sich etwas anderweitig vorbereitet hat!


Wen es interessiert, der kann gerne auch noch im Folgenden über die zweiwöchige Japanreise lesen, die direkt im Anschluss zu Korea erfolgte. Ich mein´ - jetzt, wo man schon einmal 8000km von Daheim entfernt war.


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